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Die Fußballtherapie – 1. Halbzeit

11 Mrz

Über den Eingang der Ostkurve des Stadions gelangen wir zu dem oberen Teil der Tribüne. Unerwarteter weise ist es tatsächlich deutlich voller als sonst, sodass es etwas dauert, bis wir einen geeigneten Platz gefunden haben.

Das Schöne an einem Stadionbesuch ist, dass man vorher nie weiß, neben wem man stehen wird. Es ist immer eine Überraschung und man freut sich immer wieder aufs Neue darauf. Die unterschiedlichen Spezies an Stadiongängern erkennt aufgrund ihres Habitus auch relativ schnell. Mein Liebling ist der Raucher. Es ist eigentlich egal wo er steht, der Qualm kommt immer zu mir rüber. Natürlich gibt es keine Raucherecke, wie z.B. am Bahnhof. So eine Art Raucherdiskriminierungszone. Schade eigentlich.

Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass es irgendwie einen geheimen Emailverteiler für Raucher gibt, die ins Stadion gehen. Es kommt mir nämlich so vor, als würde diese nie zusammen stehen sondern immer einzeln. Als wären Sie von jemanden taktisch klug über die ganze Stehtribüne verteilt worden, sodass auch garantiert jeder eingequalmt wird.

Nachdem wir es uns auf unseren Plätzen bequem gemacht haben, wird natürlich die Aufstellung diskutiert. Manfred liest sie uns von seinem iPhone vor. Kurze Debatte, dann sind wir uns einig. Das kann heute nix werden. Die Aufstellung ist Mist.

Kurz darauf ertönt die Einlaufhymne, die von allen eingefleischten Fans bis zur Unkenntlichkeit mitgegröllt wird. Die meisten sind schon seit 3 Stunden wach und hatten somit genug Zeit, die innerkörperlichen Bierbestände rechtzeitig zum Anstoß auf ein erstligataugliches Level zu bringen, sodass sie von dem Spiel eh nichts mehr mitbekommen.

Der Anpfiff beendet das laute Gegrummel und die Hardcorefans in der Mitte des Fanblocks stimmen die ersten Fangesänge an. Unsere Mannschaft hatte Anstoß und schiebt locker die ersten Bälle durch die Abwehrreihe.

„Das ist doch zu defensive. Der Trainer muss einen der Mittelfeldspieler nach vorne ziehen. Und Mertiz ist eigentlich viel zu alt für diese Liga“. Ich drehe mich nach rechts und versuche die hektische Stimme zu identifizieren. Direkt neben mir steht ein mittelgroßer Mann, knapp 50 mit grauen kurzen Haaren, top trainiertem Bierbauch, Pils zum weiteren Ausbau desselben, leicht rotem Kopf und vielsagender Kennermiene. „Da geb ich dir recht, aber wenn haben wir denn sonst auf der Bank. Das sind doch alles Flaschen. Nein, der Trainer müsste noch einen weiteren Defensiven aufstellen, damit wir ein 4-3-2-1-System spielen. Das ist doch offensichtlich“ erklärt ein Schlacks mit kehliger Stimme dem Bierbauch. Ich verziehe das Gesicht. Kommentatoren. Eine weitere oft in Stadien anzutreffende Spezies. Sie analysieren kontinuierlich das Spiel. Das kann ja großartig werden.

Das Spiel selbst plätschert so vor sich hin und es passiert nicht wirklich was. Leidenschaftslos wackeln die Spieler über den Rasen, setzen in besonderen Fällen mal zu einem 2-3 Metersprint an, verlieren den Ball und Werfen diesen wieder ins Mittelfeld. Wenig bis Garnichts passiert. Ein ganz normales Spiel halt.

„Die beiden Mannschaften kämpfen wirklich verbissen gegeneinander, ich denke aber, dass wir eine leichte Überlegenheit haben und vielleicht bald ein Tor sehen werden.“ krächzt es vom Schlacks. Der Bierbauch wackelt energisch, “Nein, die Mannschaften neutralisieren sich im Mittelfeld“. Donnerwetter. Neutralisieren. Ob er das bei Manni Breuckmann mal aufgeschnappt hat. “ Aber das Flügelspiel ist wirklich gut, und wir haben ein sicheres Passspiel. An sich eine engagierte Leistung von beiden Teams“! In dem Moment kommt der gefühlt zwanzigste Fehlpass innerhalb der letzten 10 Spielminuten. Ich schaue die beiden verblüfft an, kann allerdings nirgends das Handy entdecken, mit dem sich die beiden ein anderes Spiel anschauen. Dies hier bestimmt nicht.

Ein plötzliches kleines Foul eines gegnerischen Spielers direkt vor der Osttribüne lässt die Fans aufschreien. „Fotze!“. Ich glaub mir platzt das Trommelfell. Hinter mir steht ein 1,90 großer Bomberjackenträger mit fast kahlrasiertem Schädel und nervös zuckender Hauptschlagader. Wie zu Bestätigung, dass er es ernst meint schreit er nochmal „Fotze!“. Wir drehen uns alle um und schauen ihn fragend an. War doch ein ganz normales Foul. Der Schiedrichter gibt einen Freistoß.

„Gelb!! Du Schirifotze“ tönt es wieder von hinten! Wir schauen uns an. Wow, da hat einer ja einen breiten Wortschatz vorzuweisen. Als hätte der Schiedsrichter ihn jetzt gehört, blickt dieser scheinbar kurz in den Block, schüttelt den Kopf und es gibt Einwurf. Der Glatzkopf schaut mit klarer Tötungsabsicht dem Mann in Schwarz hinterher. Ich bin mir nicht sicher, ob die Zäune ihn aufhalten würden. Doch eine Berührung seiner bis zum Hals klar sichtbar tätowierten Freundin beruhigt ihn. Vielleicht hat sie ihm auch gerade eine Spritze mit Bullenberuhigungsmitteln in den Allerwertesten gerammt. Wer weiß.

„Ich frag mich wie bei dem Typen Konfliktbewältigung auf der Arbeit ausschaut“, raune ich Manfred zu. Dieser schaut mich irritiert an und entgegnet grinsend: „Merkste den Fehler?“

„Heute sind wir wirklich überlegen, aber wir müssen langsam mal das Tor machen“. Aus den Augenwinkeln erkenne ich, dass der Bierbauch mich aus erwartungsvollen Augen anschaut. Versucht er mich gerade in seine Analyse einzubeziehen? Vielleicht bin ich in ihrer Diskussion der Publikumsjoker. Ich blicke aufs Spielfeld und sehe gerade noch, wie die gegnerische Mannschaft auf der anderen Seite des Feldes zur Führung trifft. Ein grandios herausgespielter Treffer, der durch einen langen Pass aus der Abwehr und zwei sich gegenseitig behindernder Abwehrspieler unserer Mannschaft möglich gemacht wurde. Das Geschenk nahm der gegnerische Starstürmer Ohparsu gerne an und stolpert den Ball souverän ins Tor. Ich gebe meine Antwort an den Bierbauch, indem ich ihn ignoriere. Der Halbzeitpfiff ertönt und beide Mannschaften gehen in die Kabinen und wir bewegen uns in Richtung Bierstand um für die zweite Halbzeit vorbereitet zu sein.

Der dritte Teil erscheint Sonntag in 2 Wochen

Die 10 goldenen Regeln für pessimistische Stadiongänger

1 Dez

Eine eher ungewöhnliche Auflistung von Regeln für den etwas anderen Stadiongänger.

Der Stadiongang - nicht immer ein Vergnügen

Der Stadiongang - nicht immer ein Vergnügen

1. Trage lediglich einen Schal deines Vereins (ja, auch im Sommer!). Wenn du aber zu den sogenannten „Kuttenträgern“ gehören möchtest, so streife dir ein Trikot oder gar eine Weste mit den Aufnähern deines Vereins über. Diese Utensilien werden dich in der Regel vor aggresiven Ultra-Gruppierungen des Gegners retten, da Ultras bei ihren Übergriffen meißt „Kuttenfans“ außer Acht lassen. Ansonsten reicht der dezente Fanschal.

2. Fahre nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Andernfalls darfst dir dann zwar die Birne vollsaufen, ansonsten hast du aber nur Nachteile: Schweißacheln des Bahnnachbarns im Gesicht, Bierdusche, saunaähnliche Temperaturen im Bus/in der Bahn.

3. Kaufe dir keine Brat- oder gar Currywurst im Stadion. Warum? Sie ist teuer, du wirst nicht satt und meist schmeckt sie einfach nur wie eingeschlafene Füße.

4. Besorg dir eine Sitzplatzkarte. Stehen ist anstrengend. Zudem ist es meist so, dass genau eine Minute vor Anpfiff sich der größte Mensch im Stadion vor dich stellt. Im Idealfall ist dieser Raucher und qualmt dir die Lunge voll. Kümmer dich nicht um den Preis für die Karte. Das Geld bekommst du schon wieder durch das Boykottieren von Brat- oder Currywurst herein.

5. Sage Adé zu deiner Dauerkarte. Warum musst du im Vorhinein Geld dafür zahlen, dass dein Verein wohlmöglich nach 18 Spielen nur fünf Punkte auf dem Konto hat? Zahle für adäquate Leistung und belohne den Verein für guten Fußball.

6.  Schone deine Nerven! Deine Mannschaft liegt 0:3 zurück? Es ist Halbzeit und du hoffst auf die wohl größte Aufholjagd der Vereinsgeschichte? Solange du kein Bayern-Fan bist, kannst du diese Hoffnungen ad acta legen und dir die Kräfte für die anstehende Woche sparen.

7. Gebe Acht bei Auswärtsfahrten. Entferne alle Aufkleber und Fanutensilien an deinem Auto, wenn du nicht willst, dass es vor und nach dem Spiel von Heimfans als Trampolin benutzt wird.

8. Ignoriere die Anzeigetafel. Nicht selten kommt es vor, dass während eines wichtigen Spielzugs deiner Mannschaft die Ergebnisse von den anderen Spielen eingeblendet werden und du währenddessen das wohlmöglich einzige Tor deines Teams verpasst.

9. Unterlasse Schmähgesange gegen den Gastverein. Schone lieber deine Stimme und schreie deinen eigenen Verein nach vorne, falls du nicht willst, dass beim Gegner durch die Provokationen ungeahnte Kräfte freigesetzt werden.

10. Freu dich niemals zu früh. Deine Mannschaft hat den Gegner im Griff und führt souverän mit 3:0. Die Fans erheben sich von ihren Sitzen und singen „Oh wie ist das schön“ – bleibe sitzen und erzähle ihen von der Mailänder 3:0-Halbzeitführung im Champions-League-Finale gegen Liverpool. Die Eingeweihten werden sich schnell wieder hinsetzen.