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Die Fußballtherapie – Nachspielzeit

26 Mai

Quelle: tagesspeigel.de

4 Minuten sind keine besonders lange Zeit. Meist vergehen die damit verbundenen 240 Sekunden oder 24.000 Hundertstel doch recht schnell. Außer wenn man Fußball schaut. Und das Spiel einen ausgeglichenen Spielstand hat. Da ist es egal ob es sich dabei um ein 0:0, 2:2 oder 17:17 handelt. Oder wie hier ein 1:1. Dann kann es sich um eine Ewigkeit handeln. Vor allem wenn der Gegner, trotz Unterzahl, plötzlich einen Eckball hat. Dieser wird scharf und hoch auf das lange Eck unseres Fünfmeterraums gebracht, wo Dabrawski in das Kopfballduell mit dem gegnerischen Innenverteider Kallor geht. Obwohl als Erster am Ball köpft er aus Versehen Kallor, der nach dem Sprung schon wieder auf dem Weg abwärts ist, an die linke Schulter. Von da aus tropft der Ball in die Mitte ab wo der gegnerische Mittelstürmer lauert. Ein perfekter Absprung und eine optimale Seitwärtsdrehung  legt er zum Seitfallzieher an. Der Ball kommt genau auf den Vollspann und wird durch einen strammen Schuss in Richtung Führung katapultiert. Unser Torwart hat keine Zeit mehr eine Hand hochzubekommen und entscheidet sich für die logische Abwehrvariante. Relfexartig dreht er sein Gesicht in Richtung des herannahenden Balles und stoppt das fast sichere Tor mit seinem Nasenbein. Während er selbst zu Boden sinkt kann Klöppin, der am zweiten Pfosten stand, zur nächsten Ecke klären.

Unser Torwart Lutte rollt sich in Embryonalhaltung auf dem Rasen rum, das Gesicht in den großen Torwarthandschuhen vergraben. Der Schiedsrichter lässt das Medizinteam auf den Rasen und die Jungs legen einen astreinen Sprint über das halbe Feld mit ihrem rotem Erste-Hilfe-Köfferchen hin. Frederico staunt nicht schlecht und fragt sich vermutlich, wie die so schnell rennen können. Die Behandlung dauert nicht lange und schon geht es weiter. Wieder alles zurück auf Anfang und die Ecke kommt von der gleichen Seite rein.

Diesmal nutzte das gegnerische Team eine zweite Variante und schlägt den Ball flach auf den kurzen Pfosten. Dort steht Freiher und befördert den Ball direkt wieder ins Aus. Die Sekunden verrinnen auf der Uhr. Noch 1 Minute zu spielen. Und schon kommt der gegnerische Torwart auch mit nach vorne, in der Hoffnung, dass in ihm ein Jens Lehmann oder Frank Rost steck. Wir sind vor der vermutlich letzten Chance nahe dem nervlichen Zusammenbruch. Mein Bierbecher ist schon zu ¾ geleert, weil ich dauernd einen neuen großen Schluck brauche. Die Anspannung sorgt sogar für Stille bei dem magischen Trübinen-Trio Schlacks, Bierbauch und Mr. Fotze, die alle wie gebannt auf die andere Spielhälfte blicken.

Diesmal wird wieder die erste Eckballvariante genutzt und der Ball kommt mit Schmackes auf den zweiten Pfosten. Hektische Bewegungen im Fünf-Meterraum, die ersten Spieler fliegen unter dem Ball vorbei, der gegnerische Torwart steht goldrichtig und springt ab. Im selben Moment tut Lutte ihm dies gleich, allerdings springt er statt senkrecht mehr diagonal nach oben um mit der gestreckten Faust noch den Ball zu erreichen. Es kommt zum Duell der Torhüter. Lutte erreicht den Ball Millisekunden vorher und boxt ihn aus der Gefahrenzone. Dieser wird dabei noch unglücklich von einem aufgerückten gegnerischen Verteidiger abgefälscht und landet direkt bei dem wartenden Frederico. Er braucht sich nicht wirklich umzuschauen, sondern drischt den Ball aus der Drehung nach vorne.  An der Mittellinie wartete Devic auf die unwahrscheinliche letzte Chance und versucht nun mit Händen und enorm viel Körpereinsatz das Laufduell gegen den letzten verbliebenen Verteidiger zu gewinnen. Während dessen hasten alle anderen gegnerischen Spieler panikartig zurück in die eigene Hälfte um das verwaiste Tor vielleicht doch noch beschützen zu können.

Im Stadion halten alle die Luft an. 18.276 Zuschauer beobachten das letzte Duell. Der Ball rutscht über den Rasen und ist fast auf Höhe des Sechszehners. Devic scheint im Nachteil, wodurch der Verteidiger noch klären könnte. Doch im letzten Moment macht er mit den Füßen voran einen großen Satz und bugsiert den Ball in Richtung des leeren Tores. Der mitgeeilte Verteidiger kann da seine Laufbahn nicht schnell genug ändern und ist raus, während der gegnerische Torwart es tatsächlich noch in den Sechzehner geschafft hat. Mit einem Hechtsprung versucht er den Ball noch zu erreichen. Die Fingerspitzen scheinen diesen noch zu berühren. Doch vergeben. Tor.

Das Stadion explodiert. Es ist wie ein einziger gewaltiger Aufschrei aus tausenden Kehlen. Es spielen sich unglaubliche Szenen ab, alle liegen sich in den Armen. Simon und mich umarmt plötzlich die Perle des Herrn mit der unruhigen Pulsschlagader und es ist mir scheiß egal. Ihm anscheinend auch, denn er schlägt auf ein mir fast die Hand brechendes High-Five ein. Die Stimmung ist famos, alle drehen faktisch durch, als die Anspannung sich löst. Der Schiedsrichter hat das Spiel mittlerweile abgepfiffen und unsere Spieler liegen sich in den Armen. Sämtliche noch vorhandenen Bierreste auf der Ostkurve sind durch das Tor wild umher geschüttet worden und auch ich habe den Rest meines Bieres fair mit allen um mich herum geteilt. Wir feiern als hätten wir gerade die Meisterschaft gewonnen.

Die Fußballtherapie – Schlussphase

21 Apr

Quelle: fansoccer.de

Aufgrund der bisher doch recht stressigen 2. Halbzeit war der Bierkonsum höher als antizipiert. Dieser Fehler muss jedoch schnell behoben werden und mit einem kurzen Hinweis an Jens und Manfred „Bier ist alle“ machen die beiden sich auf den Weg, da Simon und ich in der Halbzeitpause waren. Hinter uns grölt Mr. „Fotze“ unaufhörlich weiter, mit abnehmender, teils quickender Stimme. „Könnte an der Schreierei liegen oder der Treffen hat eine Kettenreaktion ausgelöst und seinen Hormonspiegel versaut“. Ich schaue Simon an und weiß nicht, ob ich lachen kann, denn der Beschriebene scheint dies ebenfalls mitbekommen zu haben und dreht langsam sein Gesicht zu Simon. Die stark arbeitende Pulsschlagader pumpt scheinbar enorm viel Blut in den Kopf und ich meine die Rädchen in seinem Kopf arbeiten zu sehen. Dabei scheinen sie gerade noch im Zwischenhirn zu sein als uns ein lautes Aufheulen rettet. Unsere Mannschaft hat gerade eine starke Chance gehabt und tatsächlich beinahe ein Tor geschossen. Dies scheint unseren Kameraden mit dem aggressiven Blick abzulenken. Eine Minute später sind die anderen beiden mit Gerstensaftnachschub da und wir beruhigen unsere Nerven mit einem großen Schluck Bier.

Auf dem Feld folgt auf den vom Torwart der gegnerischen Mannschaft vereitelten Schuss ein Eckball. Diesen bringt der eingewechselte Altnationalspieler Freiher genau in die Mitte mit einem langsamen hohen Ball. Alle starren auf das herannahende Spielgerät, Dabrawski schraubt sich hoch und hämmert dieses mit dem Kopf in Richtung des Tores. Ein lautes „Klonk“ macht deutlich, dass dies leider nicht ausreichend war und der Ball vom Quergebälk zurück aufs Spielfeld trudelt wo ein Verteidiger mit einem Befreiungsschlag klären kann. Sofort wird der Ball wieder in den gegnerischen Sechzehner zurückgedroschen. Der Druck steigt und das Spiel verlagert sich immer mehr in die gegnerische Hälfte. Wir frohlocken, da nun Aussicht auf ein Last-Minute-Tor besteht. Leider scheint das Mittel der Wahl lediglich aus hohen Bällen, die aus jeglicher Position nach vorne geschlagen werden, zu bestehen. „Jetzt spielen wir sie an die Wand, das ist wirklich stark. Das hätten wir auch von Anfang an so machen können“ kommt es vom Bierbauch, „wenn wir diesen aufrecht erhalten können, machen wir bestimmt noch ein Tor“. „Es sind ja noch ein paar Minuten“ fügt der Schlacks hinzu und ein Blick meinerseits auf die Stadionuhr verrät, dass wir noch genau 2 Minuten über haben.

Gerade fliegt wieder ein hoher Ball in Richtung gegnerisches Tor als der Torhüter rausgeflogen kommt und diesen kurz vor dem vor 5 Minuten eingewechselten Devic klärt. Der gefaustete Ball landet beim Spielmacher der Gegner und dieser spurtet los wie verrückt. Hinter uns wird das Schreckensszenario schon Wirklichkeit. „ NEINNEINNEINNEINNEIN, Stop, umtreten du Fotze“. Panikartig rudert die Glatze mit den Armen um sich und zwingt nicht nur uns sondern auch andere Tribünenbesucher sowie seine Freundin zum Ausweichen. Dabei scheint er seinen noch halbvollen Bierbecher in der rechten Hand vergessen zu haben und verteilt schön gleichmäßig das goldene Lebenselixier auf die Jacken und Fanschals der Umstehenden. Auf der anderen Seite des Feldes zeigt der sprintende Spielmacher seine Qualitäten und bringt den Ball mit einem gezielten Pass zum Außenstürmer. Der zieht nach innen und legt den Ball zurück auf den Spielmacher. Die völlig überforderten Innenverteidiger hatten sich nach dem vorhergehenden Pass komplett auf den Außenstürmer konzentriert und können den platzierten Schuss nicht mehr zuvorkommen. Unser Torwart springt katzenartig in die Schussrichtung des Balles und berührt diesen noch mit den Fingerspitzen seines Armes. Das laute „Klonk“ des rechten Pfostens lässt den gegnerischen und unseren Block aufstöhnen, der Ball geht in einen wunderbaren rechten Winkel wieder auf das Spielfeld und wird von einem zurückgeeilten Außenverteidiger völlig freistehend und ohne Bedrängnis zur Ecke geklärt. Der plötzliche Gegenangriff ließ meinen Puls enorm hochschnellen und ich schaue nervös auf die Anzeigetafel. Bitte nur den einen Punkt halten.

An der Seitenlinie hebt der vierte Offizielle just in diesem Moment die Anzeigetafel und kündigt damit eine 4-minütige Nachspielzeit an. Ich nehme noch einen kräftigen Schluck, während Simon und Jens mir dies nachtuen und Manfred uns zuraunt „4 Minuten, ich hoffe das geht gut“.

Die Fußballtherapie – 2. Halbzeit

24 Mrz

Quelle: http://www.google.de/imgres?q=rote+karte+bochum&um=1&hl=de&sa=N&biw=1600&bih=771&tbm=isch&tbnid=7xx4MLYyeqRauM:&imgrefurl=http://www.tsv1860.de/aktuell/news/dfb-pokal-achtelfinale-loewen-aus-nach-vallori-platzverweis&docid=3kaUrOitQxzgWM&imgurl=http://www.tsv1860.de/files/file_931/Vallori_Rot_490.jpg&w=490&h=350&ei=vVJPUeObMpDL0AWRnoH4Dg&zoom=1&iact=rc&dur=323&page=1&tbnh=147&tbnw=229&start=0&ndsp=28&ved=1t:429,r:20,s:0,i:151&tx=59&ty=51

Die gegnerische Mannschaft nutzt den Anstoß um den Ball aus dem Mittelkreis zurück zur Abwehr zu schieben und langsam ihren Angriff aufzubauen. Unsere Mannschaft spielt nun auf das Tor vor dem Heimfanblock, was uns Anlass zur Hoffnung und Sorge gibt. Hoffnung, dass wir hier jetzt die Tore sehen werden, Sorge, dass wir praktisch nichts mehr sehen. Ein plötzlicher Fehlpass auf dem Weg nach Vorne sorgt für eine gute Kontersituation. Mit schnellen präzisen Pässen wird das Mittelfeld überwunden. Ikui kommt über die linke Seite, dribbelt dort überragend den Rechtsverteidiger der Gegner aus und legt den Ball flach in die Mitte an den Rand des 16er-Kreises. Unser sonst so bewegungsfauler Spielmacher „Miracolli“-Frederico läuft in für ihn überagendem Tempo und setz mit einem gezielte Schuss den Ball knappe 8-9m über die Latte.

Dieser ernstzunehmende Torschuss unserer Mannschaft löst im Fanblock pure Begeisterung aus. Waren die Fans in den ersten Minuten noch ganz ruhig und bangten, ob den die Mannschaft den Weg zurück ins Spiel finden würde, waren sie jetzt Feuer und Flamme. „Kämpfen! Kämpfen!“ rufen sie voller Inbrunst. Fredericos Reaktion auf die unerwarteten Anfeuerungen ist ein kurzer Daumen nach Oben. Alles ok. Der Fuß ist nicht überlastet vom ersten Schuss.

„Da hat der Trainer anscheinend die richtigen Worte in der Kabine gefunden. Die Mannschaft ist wie ausgewechselt“, wackelt der Bierbauch. Der Schlacks nickt, klatscht weiter in die Hände. Mr „Fotze“ grölt indessen mit dem Rest des Blocks euphorisch die immer neue Anfeuerungsrufe.

In den nächsten zehn Minuten passiert praktisch nichts. Frederico scheint mit der bisherigen Leistung zufrieden zu sein und spaziert fröhlich über den Platz. Seine überragende Leistung untermauert er mit kurzen Sprints über 1-2 Meter. Als er versucht einen Ball zu erlaufen überholt ihn ein gegnerischer Mittelfeldspieler, der beim Start noch 3 Meter entfernt war. Es sieht ein bisschen aus als würde Schumacher gegen eine Schnecke ein Rennen fahren.  Einzig der Mannschaftskapitän Dabrawski versucht so etwas wie Offensivbemühungen zu zeigen.

Eine überaschende Balleroberung bringt den nächsten Angriff. Dabrawskis Pass auf den Stürmer Aydir, mit einer nie dagewesenen Genauigkeit, nutzt der Stürmer um den Ball vor den Strafraum zu tragen. Einer der drei dort postierten Abwehrspieler, die Nummer 3, geht rustikal zu Werke und bringt Aysir zu Fall. Der Block tobt, alles schreit „FOUL“ gemischt mit einem „Fotze“, der Schiedsrichter eilt herbei. Ein zweiter Abwehrspieler, die Nummer 5, steht über dem auf dem Boden sich wälzenen Aydir und scheint diesem eine Schwalbe vorzuwerfen. Der Mann in Schwarz trennt die beiden Spieler und zieht für das Foul zur Vereitelung einer klaren Torchance die rote Karte. Der gegnerische Abwehrspieler mit der Nummer 5 wird des Feldes verwiesen. Alle Spieler der Mannschaft scharen sich um den Schiedsrichter und reden auf ihn ein. Dieser scheint jedoch den Irrtum nicht einzusehen und verteilt weiterhin fleißig gelbe Karten fürs Meckern.

Der Fanblock nimmt dies belustigt zur Kenntnis und ruft: „Schick Sie alle runter, Sie habens verdient“. „Fotze, gib allen rote Karte, Schirifotze“ ist der, wie immer eloquente und fachgerechte, Beitrag des rhetorisch begabten Glatzkopfes.  Vielleicht sollte er für den neuen NewKids-Film vorsprechen.

Unser kleines Grüppchen ist jedoch von den Szenen auf dem Platz eher verwirrt. Haben wir irgendwie das offensichtlich von Spieler Nummer 3 begangene Foul dem Falschen zugeschrieben? Fröhlich glucksend tönt vom Schlacks „Absolut richtige Entscheidung, klare rote Karte. Ein solches Einsteigen ist gesundheitsgefährdend“. Der Bierbauch wackelt mit dem Doppelkinn zustimmend. Seine Freude manifestiert sich nun deutlich im Gesicht, welches rot wie eine Ampel leuchtet. Vielleicht aber auch eher ein Resultat des Bierkonsums.

Auf meiner anderen Seite ist die Diskussion passender zu meiner Wahrnehmung, jedoch herrscht Unsicherheit über unser aller Aufnahmefähigkeit. Jetzt schon zu viel Bier? Manfred grabscht in die linke Seitentasche seiner Hose um seinen elektronischen Apfel zutage zu fördern, nicht ohne vorher noch deutlich mit einem ordentlichen Taschenbilliardsstoß eine Kugel zu versenken. Seine Daumen wandern über den Display des elektronischen Apfels um in einem Livetext einer Sportwebsite eine Erklärung zu finden. Nur wenige Sekunden später zeigt ein lautes „Ha“, dass er fündig geworden ist. „Der Schiri ist wirklich ne Pfleife! Hat der doch glatt den falschen Spieler vom Platz gestellt“.

Ein Raunen geht durchs Stadion, welches uns zu erkennen gibt, dass wir den aus dem Foul resultierenden Freistoß von Frederico verpasst haben. Diesmal schien es wirklich knapper gewesen zu sein, was ich aus dem Kommentar des Schlacks „Das war aber knapp“ gekonnt schließe.

Das Spiel nimmt nun durch die rote Karte eine völlig neue Wendung. Unsere Mannschaft spielt nun scheinbar befreit auf und kommt immer wieder aus der eigenen Hälfte über die Mittellinie. Meist ist da zwar Ende, was den Fanblock aber nicht davon abhält immer frenetischer zu rufen. Plötzlich rutscht unser rechter Verteidiger Klöppin aus und lenkt den eigentlich platzierten Pass direkt auf den gegnerischen defensiven Mittelfeldspieler. Dieser hat aber den sich hinter ihm ausruhenden Frederico wohl leichtsinnig als gefahrenlos eingestuft und mit seiner unnachahmlichen Technik nimmt dieser ihm den Ball ab, dreht sich dabei wie Neo in der Matrix um die eigene Achse und hat plötzlich nur noch die beiden Verteidiger und Aydir vor sich. Selbst von der Tribüne aus ist zu sehen, wie es in ihm arbeitet. Soll er sich nun in Bewegung setzen oder direkt passen. Die Entscheidung fällt für Zweiteres. Ein tatsächlich perfekter Pass direkt über die Verteidiger hinweg wird von dem schnellen Aydir kurz vor der Sechzehnergrenze abgefangen. Der folgende Schuss erwischte den herausstürmenden Torhüter auf dem falschen Fuß, hatte dieser doch mit einem richtigen Torschuss gerechnet. Doch Aydir hatte gekonnt direkt auf den Torhüter geschossen, der seinen Kopf nicht mehr zum Ball bringen kann und im Fall zwischen linkem Ohr und Arm in die Maschen fliegt.

Die Reaktion der Ostkurve lässt nicht lange auf sich warten und folgt wie die Verzögerung eines Donners auf den Blitz. Alle liegen sich in den Armen, Mr „Fotze“ schmeißt seine Freundin, oder in welchem Verhältnis die beiden Personen auch immer stehen mögen, in die Luft, sodass sie beinahe auf Simon landet. Wie schlagen uns gegenseitig ab als hätten wir die Bude selbst geschossen und stoßen mit dem noch vorhandenen Bier an. Ein Blick auf die Stadionuhr zeigt, dass noch 10 Minuten zu spielen sind und uns gegebenenfalls eine spannende Schlussphase bevorsteht.

Die Fußballtherapie – Halbzeitansprache

25 Mrz

Die viertelstündige Pause zwischen den Halbzeiten ist eine der produktivsten Aktivitäten, die männliche Stadionbesucher an einem Samstag mitmachen. Während Frauen immer zu zweit aufs Klo gehen, müssen Männer mindestens zu zweit ins Stadion gehen. Die Parallele liegt jedoch auch beim Klo. Denn nach einer Halbzeit mit mindestens 1 Liter Bier muss das ganze fachgerecht und Ortsnah entsorgt werden. Alleine würde man dann nach dem Besuch des Lokus vor einer sehr langen Schlange stehen und den Anfang der 2. Halbzeit verpassen. Dass es immer noch Männer gibt, die es anders herum versuchen, beweisen verschüttetes Bier auf dem Boden und eine angebissene Bratwurst im Urinal.

Zu zweit kann man dieser Entscheidung entfliehen, indem der eine sich anstellt und der andere sich erleichtert. Diesmal habe ich das Vergnügen als Erster mich durch die engen Türen des Klos zu quetschen und irgendwann neben 10 anderen an einem der Pissoirs, Marke Rinnstein, zu stehen. Kaum bin ich fertig, werde ich auch schon wieder hinausgeschoben. Gerade noch kann ich meinen Händen etwas Wasser am Waschbecken zeigen und schon bin ich wieder draußen.

Am Getränkestand angekommen ist bereits die heiße Diskussion über die erste Halbzeit entbrannt. Dabei wird nicht nur mit den eigenen Leuten, sondern mit allen direkt vor und hinter einem in der Schlange Stehenden analysiert. Der Schlacks hat anscheinend das Los des Wartenden gezogen, während der Bierbauch im Klo steckt. Deshalb hat der Schlacks seinen kongenialen Partner durch Simon ersetzt. „Kehr inne Kiste, jede Saisooon die selbste Schei**. Wir sind besser und der Gegner macht das Tor.“ Simon schaut irritiert, „Aber unsere Jungs haben doch kaum nach Vorne gearbeitet. Ist nicht ganz unverdient“. Der Schlacks schaut Simon zweifelnd an, sieht den Bierbauch gerade aus der Toilette stampfen und führt sein Gespräch, Simon ignorierend, mit dem FiegeFass fort.

Nach gefühlten 30 minuten erreichen wir endlich den Getränkestand und bestellen die nächste Bierration. Die Becher werden in Tragepappen mit jeweils 4 Bier untergebracht, sodass man diese in einer Hand tragen kann. In die andere gehört noch die gute Stadionwurst oder eine Käsebrezel. Nachdem auch diese endlich in unseren Besitz übergegangen sind, begeben wir uns rechtzeitig wieder auf die Tribüne.

Um etwas Variabilität in unseren Stadionbesuch zu bekommen haben wir den Platz gewechselt und stehen nun 3 Meter weiter in Richtung Mitte-Ostkurve. Die Hoffnung gegebenenfalls neue Stehnachbarn zu haben, wird schnell enttäuscht, da auch Bierbauch und Schlacks, sowie Mr. Fotze denselben Einfall gehabt zu haben scheinen.

Der Pfiff des Schiedsrichters ertönt und die 2. Halbzeit beginnt.

Der vierte Teil erscheint Sonntag in 2 Wochen

Die Fußballtherapie – 1. Halbzeit

11 Mrz

Über den Eingang der Ostkurve des Stadions gelangen wir zu dem oberen Teil der Tribüne. Unerwarteter weise ist es tatsächlich deutlich voller als sonst, sodass es etwas dauert, bis wir einen geeigneten Platz gefunden haben.

Das Schöne an einem Stadionbesuch ist, dass man vorher nie weiß, neben wem man stehen wird. Es ist immer eine Überraschung und man freut sich immer wieder aufs Neue darauf. Die unterschiedlichen Spezies an Stadiongängern erkennt aufgrund ihres Habitus auch relativ schnell. Mein Liebling ist der Raucher. Es ist eigentlich egal wo er steht, der Qualm kommt immer zu mir rüber. Natürlich gibt es keine Raucherecke, wie z.B. am Bahnhof. So eine Art Raucherdiskriminierungszone. Schade eigentlich.

Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass es irgendwie einen geheimen Emailverteiler für Raucher gibt, die ins Stadion gehen. Es kommt mir nämlich so vor, als würde diese nie zusammen stehen sondern immer einzeln. Als wären Sie von jemanden taktisch klug über die ganze Stehtribüne verteilt worden, sodass auch garantiert jeder eingequalmt wird.

Nachdem wir es uns auf unseren Plätzen bequem gemacht haben, wird natürlich die Aufstellung diskutiert. Manfred liest sie uns von seinem iPhone vor. Kurze Debatte, dann sind wir uns einig. Das kann heute nix werden. Die Aufstellung ist Mist.

Kurz darauf ertönt die Einlaufhymne, die von allen eingefleischten Fans bis zur Unkenntlichkeit mitgegröllt wird. Die meisten sind schon seit 3 Stunden wach und hatten somit genug Zeit, die innerkörperlichen Bierbestände rechtzeitig zum Anstoß auf ein erstligataugliches Level zu bringen, sodass sie von dem Spiel eh nichts mehr mitbekommen.

Der Anpfiff beendet das laute Gegrummel und die Hardcorefans in der Mitte des Fanblocks stimmen die ersten Fangesänge an. Unsere Mannschaft hatte Anstoß und schiebt locker die ersten Bälle durch die Abwehrreihe.

„Das ist doch zu defensive. Der Trainer muss einen der Mittelfeldspieler nach vorne ziehen. Und Mertiz ist eigentlich viel zu alt für diese Liga“. Ich drehe mich nach rechts und versuche die hektische Stimme zu identifizieren. Direkt neben mir steht ein mittelgroßer Mann, knapp 50 mit grauen kurzen Haaren, top trainiertem Bierbauch, Pils zum weiteren Ausbau desselben, leicht rotem Kopf und vielsagender Kennermiene. „Da geb ich dir recht, aber wenn haben wir denn sonst auf der Bank. Das sind doch alles Flaschen. Nein, der Trainer müsste noch einen weiteren Defensiven aufstellen, damit wir ein 4-3-2-1-System spielen. Das ist doch offensichtlich“ erklärt ein Schlacks mit kehliger Stimme dem Bierbauch. Ich verziehe das Gesicht. Kommentatoren. Eine weitere oft in Stadien anzutreffende Spezies. Sie analysieren kontinuierlich das Spiel. Das kann ja großartig werden.

Das Spiel selbst plätschert so vor sich hin und es passiert nicht wirklich was. Leidenschaftslos wackeln die Spieler über den Rasen, setzen in besonderen Fällen mal zu einem 2-3 Metersprint an, verlieren den Ball und Werfen diesen wieder ins Mittelfeld. Wenig bis Garnichts passiert. Ein ganz normales Spiel halt.

„Die beiden Mannschaften kämpfen wirklich verbissen gegeneinander, ich denke aber, dass wir eine leichte Überlegenheit haben und vielleicht bald ein Tor sehen werden.“ krächzt es vom Schlacks. Der Bierbauch wackelt energisch, “Nein, die Mannschaften neutralisieren sich im Mittelfeld“. Donnerwetter. Neutralisieren. Ob er das bei Manni Breuckmann mal aufgeschnappt hat. “ Aber das Flügelspiel ist wirklich gut, und wir haben ein sicheres Passspiel. An sich eine engagierte Leistung von beiden Teams“! In dem Moment kommt der gefühlt zwanzigste Fehlpass innerhalb der letzten 10 Spielminuten. Ich schaue die beiden verblüfft an, kann allerdings nirgends das Handy entdecken, mit dem sich die beiden ein anderes Spiel anschauen. Dies hier bestimmt nicht.

Ein plötzliches kleines Foul eines gegnerischen Spielers direkt vor der Osttribüne lässt die Fans aufschreien. „Fotze!“. Ich glaub mir platzt das Trommelfell. Hinter mir steht ein 1,90 großer Bomberjackenträger mit fast kahlrasiertem Schädel und nervös zuckender Hauptschlagader. Wie zu Bestätigung, dass er es ernst meint schreit er nochmal „Fotze!“. Wir drehen uns alle um und schauen ihn fragend an. War doch ein ganz normales Foul. Der Schiedrichter gibt einen Freistoß.

„Gelb!! Du Schirifotze“ tönt es wieder von hinten! Wir schauen uns an. Wow, da hat einer ja einen breiten Wortschatz vorzuweisen. Als hätte der Schiedsrichter ihn jetzt gehört, blickt dieser scheinbar kurz in den Block, schüttelt den Kopf und es gibt Einwurf. Der Glatzkopf schaut mit klarer Tötungsabsicht dem Mann in Schwarz hinterher. Ich bin mir nicht sicher, ob die Zäune ihn aufhalten würden. Doch eine Berührung seiner bis zum Hals klar sichtbar tätowierten Freundin beruhigt ihn. Vielleicht hat sie ihm auch gerade eine Spritze mit Bullenberuhigungsmitteln in den Allerwertesten gerammt. Wer weiß.

„Ich frag mich wie bei dem Typen Konfliktbewältigung auf der Arbeit ausschaut“, raune ich Manfred zu. Dieser schaut mich irritiert an und entgegnet grinsend: „Merkste den Fehler?“

„Heute sind wir wirklich überlegen, aber wir müssen langsam mal das Tor machen“. Aus den Augenwinkeln erkenne ich, dass der Bierbauch mich aus erwartungsvollen Augen anschaut. Versucht er mich gerade in seine Analyse einzubeziehen? Vielleicht bin ich in ihrer Diskussion der Publikumsjoker. Ich blicke aufs Spielfeld und sehe gerade noch, wie die gegnerische Mannschaft auf der anderen Seite des Feldes zur Führung trifft. Ein grandios herausgespielter Treffer, der durch einen langen Pass aus der Abwehr und zwei sich gegenseitig behindernder Abwehrspieler unserer Mannschaft möglich gemacht wurde. Das Geschenk nahm der gegnerische Starstürmer Ohparsu gerne an und stolpert den Ball souverän ins Tor. Ich gebe meine Antwort an den Bierbauch, indem ich ihn ignoriere. Der Halbzeitpfiff ertönt und beide Mannschaften gehen in die Kabinen und wir bewegen uns in Richtung Bierstand um für die zweite Halbzeit vorbereitet zu sein.

Der dritte Teil erscheint Sonntag in 2 Wochen

Die Fußballtherapie – Vorbereitung

4 Mrz

Wie an jedem zweiten Wochenende steht natürlich auch an diesem wunderschönen Samstag ein Bundesligaspiel bei der Spitzenmannschaft aus der Nachbarschaft an. Da das Spiel seit der letzten Saison leider nicht mehr um 15:30 Uhr, sondern schon um 13:00 Uhr angepfiffen wird, habe ich meinen Tagesablauf dementsprechend angepasst und stehe bereits um 11 Uhr auf. Man ist ja Profi.

Um den Zeitaufwand möglichst zu begrenzen, spritze ich mir mit beiden Handflächen etwas Wasser ins müde Gesicht. Nachdem ich im Spiegel gecheckt habe, ob ich es denn noch wirklich bin, schmeiße ich mich in eine alte Jeans, ein ausgeleiertes Shirt und ziehe noch einen dicken Fließpulli drüber. Danach schwing ich mir noch schnell meinen Fanschaal um den Hals und mache mich so auf den Weg zum Frühstück.

Frühstück nimmt man an einem Fußballsamstag vor der nächsten Frühstücksbude ein. Von dem nächst besten Etablissement trennt mich lediglich eine 10-minütige U-Bahnfahrt auf der ich mir die verwirrten Leute anschaue, die auch schon zu so einer frühen Zeit auf dem Weg ins Stadion sind. Schnell merke ich was fehlt. Ich hab mein Bier zuhause stehen lassen. Schei**.

Halb so wild, schließlich gibt es an der Frühstücksbude auch was zum „Kehle kühlen“. Nachdem ich die weiten 300m von der Haltestelle zum Frühstücksstand bewältigt habe, bestell ich mir ein leckeres Brötchen. Als Beilage gibt es Currywurst. Und Pommes rot-weiß. Versteht sich von selbst. Das Ganze wird mit dem regionalen Bier runtergespült. Fertig. Gestärkt begebe ich mich auf die Zielgerade in Richtung Stadion, wohl wissend was mich erwartet.

Auf dem Weg koordiniere ich per SMS einen Treffpunkt an „ der Mauer hinterm Stadion“ um die übliche Stadionclique zu treffen. Etwas gestresst steige ich aus der Bahn, die ich noch kurzfristig erwischt habe und mache mich auf, besagte Mauer zu suchen. Sofort entdecke ich die Crew. Jens und Simon stehen beide schon mit einem Pils bewaffnet vor dem Stadioneingang und winken mit den gerade erstandenen Tickets.  „Da haste dein Ticket. 9 Euro macht das“. Ich schaue Jens verdutzt an. Normalerweise kostet das Ticket ermäßigt nämlich einen Euro weniger. „Spitzenspiel“ grunzt Simon und zuckt mit den Schultern. Ich studiere die Eintrittskarte. Aha, verstehe. Wir spielen gegen den fast insolventen „Hastenochniegehörtweilamarschderwelt-Verein“. Naja, ist halt nicht wirklich Bundesliga.

Ich will gerade losstiefeln, als Simon mich am Arm festhält. „Warte noch,  Manfred wollte auch noch kommen.“ Ich nicke. Also warten wir. Ich werde langsam durstig. Ich signalisiere mit einem Fingertipp auf meine imaginäre Uhr, dass es Zeit wird. Schließlich möchte ich mich nicht an dem völlig überfüllten Bierstand anstellen. Ist ja immerhin ein Spitzenspiel. Da werden mindestens 100 Leute mehr ins Stadion kommen. Weil Sie hoffen das unser Verein auch mal ein Spiel gewinnt. Ein Topspiel. Auch wenn es gerade eher um den Abstieg geht.  Topabstiegsspiel nennt Jens das. Marketingwitz nennt Simon es.

Wenige Minuten später taucht Manfred auf. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht läuft er lässig auf uns zu, klatscht jeden einmal ab.“Na, heute gewinnen wa!! Wat tipp ter?“

Aufgrund der üblichen Sorge übersteigen die Ergebnisabstände alle ziemlich genau ein Tor. Natürlich wird immer für unseren Verein getippt. Niemand möchte sich als Pessimist outen. Und niemand möchte das gleiche Tippen wie der andere. Also tippen wir 1:0,2:1:3:2 und 5:0. Manfred ist etwas übermütig. Er hat die Nacht noch gearbeitet und ist anscheinend voll auf Kaffee. Wollte das Spiel nicht verpassen. Ist ja ein Topabstiegsspiel.

Bevor wir uns auf die wunderschönen 30 Jahre alten Betontribünen begeben, decken wir uns noch schnell mit Pils ein. Auch hier kommt das Topspiel durch. Leider kein Rabatt. Aber egal. Wer weiß wie das Spiel wird. Sicher ist sicher und nüchtern lässt sich das eher selten ertragen.

Der zweite Teil folgt am nächsten Sonntag.