Italiens „Lippibekenntnisse“

26 Jun

Nimmt alle Schuld auf sich: Marcello Lippi (Quelle:telegraph.uk)

Nimmt alle Schuld auf sich: Marcello Lippi (Quelle:telegraph.uk)

 

„Ich nehme die gesamte Schuld auf mich. Wenn sich eine Mannschaft zu so einem wichtigen Ereignis mit Angst in den Beinen, im Kopf und im Herzen präsentiert, bedeutet das, dass der Trainer sie nicht gut genug vorbereitet hat…“ (Marcello Lippi, Johannesburg, 24. Juni 2010)  

Fatale zweite Amtszeit 

Hätte er doch bloß nach der WM 2006 in Deutschland seine Trainerkarriere beendet. Marcello Lippi, nun nicht mehr italienischer Nationaltrainer, wäre der großen Schmach von Südafrika aus dem Weg gegangen und ganz Italien hätte ihn als den Weltmeistertrainer in Erinnerung behalten. Doch der Mann aus der Toskana lies sich zu einer zweiten Amtszeit als Trainer der Squadra Azzurra überreden und machte damit alles falsch. 

Tabellenletzter in Gruppe F, noch hinter den Fußballzwergen Slowakei und Neuseeland – welch eine Schmach! Im letzten Spiel wollte man noch alles richten, so wie Deutschland, oder die Spanier es taten, doch am Ende reichte es noch nicht einmal zu einem Unentschieden gegen die Slowakei. Gerade einmal zehn Minuten zeigten die Azzurri zu was sie in der Lage sind, doch da war schon alles zu spät und zudem wäre der Einzug ins Achtelfinale zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr verdient gewesen, hätte Quagliarellas Milimeter-Abseitstreffer gegolten. 

Keine Führungsspieler 

Lippis bis zum Jahre 2010 noch weiße Weste ist nun beschmutzt. Viel Kritik kam von den italienischen Medien schon nach den Spielen gegen Paraguay (1:1) und Neuseeland (1:1). Nur zwei Punkte aus zwei Spielen – das war für einen Weltmeister zu wenig. Die Ansprüche in Italien waren zu groß und auch die Kritik an Trainer Marcello Lippi wurde größer. Man sprach zuvor noch von Titelverteidigung, wo man doch außer Acht ließ, dass sich in den Reihen der Italiener vielleicht nur zwei oder drei Spieler von Weltniveau befanden. Einer davon, Torwart Gianluigi Buffon, musste sogar das Unternehmen Titelverteidigung wegen Verdachts auf Bandscheibenvorfall frühzeitig abbrechen. 

Dessen Ersatzmann Marchetti konnte zu keinem Zeitpunkt in die großen Fußstapfen des Welttorhüters Buffon treten. Es fehlte an Präsenz, Selbstbewusstsein und vor allem an einem: Aura. 

Pirlo kam zu spät 

Mit Andrea Pirlo fiel in den ersten beiden Gruppenspielen ein weiterer Eckpfeiler des Teams aus. Ein Mann mit Ausstrahlung, ein Stabilisator im Mittelfeld war nicht vorhanden. Pirlo konnte zu keiner Zeit ersetzt werden. Weder durch Montolivo, noch durch de Rossi, die beiden auf ihren Positionen überfordert wirkten. Montolivo war wenigstens noch in der Lage aus der Distanz für Gefahr zu sorgen. Und als Andrea Pirlo dann doch noch spielte, machte Italien seine besten 45 Minuten dieser WM. 

Andere so genannte Führungsspieler waren nicht vorhanden. Kapitän Fabio Cannavaro könnte man mit der Metapher des Lichts und des Schattens wohl am besten charakterisieren. Mal Weltklasse, aber zu oft nur Kreisklasse. Ebenso Gianluca Zambrotta, der auf seiner Außenbahn mehr wie ein Auslaufmodell, als ein Weltmeister wirkte. 

Sturmproblem 

Und der Sturm? Lippi versuchte alles und stellte in drei Spielen drei Mal um. Erst ein spielte er mit einem 4-5-1 (Sturm: Gilardino), dann mit einem 4-4-2 (Sturm: Gilardino, Iaquinta), bevor er im letzten Spiel in einem offensiven und für Italien eher untypischen 4-3-3 gleich drei Stürmer aufbot (Sturm: Iaquinta, di Natale, Pepe). Am Ende nützte alles nichts und Marcello Lippi nahm die Schuld in seinem Lippenbekenntnis, oder besser, seinem „Lippibekenntnis“ gänzlich auf sich. 

Medien zerreißen Trainer und Mannschaft 

Nun entläd sich in Italien ein Sturm des Zorns über Lippi, über dem Mann, der vor vier Jahren noch auf Schultern getragen mit dem Weltpokal in den Armen ins Forum Maximum auflief. Muss sich ein Trainer sowas gefallen lassen? Hat Lippi wirklich seine Kompetenzen als Trainer verloren oder muss er sich einfach nur ankreiden lassen auf zu wenig neue Kräfte gebaut zu haben? 

Marcello Lippi, mittlerweile 62 Jahre alt, hat in seiner langen Trainerkarriere alles gewonnen, was ein Trainer gewinnen kann. Der Mann aus der Toskana ist sogar der einzige Fußballlehrer, dem es gelang die Champions League (1996 mit Juventus Turin) und den Weltmeistertitel (2006 mit Italien) zu gewinnen. An Kompetenz wird es ihm also nicht fehlen. 

Es sind die Spieler die versagt haben! Und Marcello Lippi? Er hätte nach der WM 2006 seine Karriere beenden sollen, dann wären uns auch die „Lippibekenntnisse“ erspart geblieben.

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